Lotte Weis.

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Leseprobe 

 

"Kapitel 1

Mika und Jan


Schön war sie nicht. Um genau zu sein, war sie das Gegenteil von dem, was man landläufig unter attraktiv verstand. Und dies auch unter Berücksichtigung der vielen verschiedenen Schönheitsideale, die sich bisher kulturell oder temporär ausmachen ließen. Überhaupt irgendeinen Liebreiz an ihr zu bestimmen, wäre ihm schwergefallen, hätte man ihn danach gefragt. Aber man fragte ihn nicht. Er hatte sich als Nachfolge für den scheidenden Oberbürgermeister zur Verfügung und in der Konsequenz zur Wahl gestellt, und seine Partei hatte seine mangelnde Anbindung an eine familiäre Struktur nicht nur gerügt oder kritisiert, sondern ihn vielmehr dazu aufgefordert, diesen Zustand als bald als möglich zu ändern. Die Anschaffung eigener Kinder wäre ihm in der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen, zumal zu diesem Zeitpunkt auch noch keine potenzielle Mutter in erreichbarer Nähe gewesen war, aber eine Lebensgefährtin, besser noch eine Ehefrau, sollte ihn eleganter durch den Wahlkampf führen und ihm weniger Angriffsfläche für die politischen Gegner bieten. Es spielte seinen Gesinnungsbrüdern in die Karten, dass der derzeit amtierende Bundespräsident ebenfalls nicht das Ehegelübde abgelegt hatte und die Frau an seiner Seite, die ihn zu Repräsentationsterminen begleitete, lediglich eine Partnerin, eine Lebensgefährtin war. Diese Tatsache vermittelte vielleicht sogar einen modernen, liberalen und weltoffenen Eindruck, was wiederum den derzeitigen politischen Strömungen und Anforderungen, die durch die verschiedensten Krisen die Gesellschaft geradezu durchschüttelten, Rechnung trug. Er selbst hatte den Parteivorsitz seit geraumer Zeit inne, so war zuletzt die Kritik an ihm und seiner Lebensführung eher leise denn bevormundend, dennoch konnte er sich dem Verbesserungsvorschlag im Rahmen des bevorstehenden Wahlkampfes nicht ganz entziehen. Die Gesellschaft traut einem verpartnerten Politiker aus irgendeinem Grund eine höhere Kompetenz zu, als einem, der als Single lebt. Ferner entzöge er sich durch die Partnerschaft zu einer Frau auch Gerüchten, er spräche vielleicht eher dem männlichen Geschlecht zu und habe keine Traute, sich entsprechend zu outen. So war es aber nicht. Er war weder homosexuell, noch hatte er in seinem Leben die Ehe mit einer Frau oder Kinder abgelehnt. Es hatte sich in seinem Leben einfach nicht ergeben. Bisher jedenfalls nicht. Vor vielen Jahren hatte es eine Frau gegeben, zu der er sich mehr als hingezogen gefühlt hatte, die seine Liebe aber seinerzeit nicht erwiderte. Und eben diese große unerfüllte Liebe hatte ihm jetzt, nach mehr als fünfundzwanzig Jahren eine Frau vorgestellt, mit der sie offensichtlich sehr eng befreundet war. Warum sie das zu diesem Zeitpunkt tat, auch warum sie nach der langen Zeit plötzlich diese Freundin aus dem Hut zog, war ihm nicht bekannt und hatte ihn ein wenig überrascht. Die neue Dame gehörte nicht zum parteilichen Dunstkreis, sie hatte auch bei anderen Parteien nicht derartige Ambitionen erahnen lassen, und um genau zu sein, hatten er und seine große Liebe sich vor vielen Jahren bereits so voneinander distanziert, dass niemand heute noch auf die waghalsige Idee kommen könnte, die beiden seien sich einmal auf irgendeine Art nah gewesen. Und dennoch hatte es sich jetzt so gefügt, dass er einige Wochen später seiner Gefolgschaft und der Öffentlichkeit eine Lebensgefährtin vorstellen konnte: Mika. Mika war groß gewachsen und von kräftiger Gestalt, sie war sogar noch fülliger als er, der gerne von seiner Person mehr oder weniger wohlgesonnenen als dick bezeichnet wurde. Dies zunehmend, obwohl er angestrengt versuchte, seit seine Kandidatur feststand, sein Gewicht zu reduzieren. Zum einen, weil sich niemand der durchaus subjektiven Wahrnehmung entziehen kann, schlanke Menschen seien dynamischer – und wer in der Politik oder anderswo Karriere machen möchte, sollte eine gewisse Dynamik ausstrahlen – und zum anderen, ganz pragmatisch, weil Herrenanzüge ohnehin im oberen Preissegment angesiedelt sind und die für Übergrößen noch mehr. Aber all diese Schwächen, sie war weiterhin mit einem grauenhaften Geschmack gestraft, was ihre Frisur, ihre Kleidung und ihren Schmuck betraf, hätten auch durchaus charmant sein können, hätten sie für Beobachter auch als Sympathieträger mit markanten Eigenschaften durch die Welt gehen lassen können, wäre da nicht ihre Art gewesen, die sie sich vielleicht bereits in der Jugend zugelegt hatte, mutmaßlich um eben diese optischen Mängel zu kompensieren und sich so dem Spott der anderen Kinder zu entziehen. Vielleicht war es so, vielleicht auch nicht. Man kann dies alles nur vermuten, denn Mikas Kindheit war jetzt schon eine ganze Weile her, ging sie doch deutlich auf die fünfzig zu. So befleißigte sie sich stets einer Ausdrucksweise, die keinen Zweifel an ihrer Eloquenz ließ. Sie erhob sich sprachlich über ihre Gesprächspartner, in dem sie, zugegebenermaßen äußerst geschickt, Fremdworte einfließen ließ oder komplizierte Schachtelsätze baute, die den Zuhörer entweder an der eigenen Intelligenz zweifeln ließen, oder aber dieser Zuhörer musste sich gerade schlecht vorbereitet oder uninformiert fühlen. Zudem unterstrich sie ihre etwas lauter gesprochenen Worte stets gestenreich, sah einen mit großen Augen an, und ließ jedweden Widerspruch als zwecklos erscheinen. Wenn Mika jedoch nichts zu sagen hatte oder jemand anderes gerade sprach, zog sie ihre Mundwinkel arrogant, zuweilen gar angewidert herunter, eine Geste, die wiederum den Eindruck in dem Anderen erwecken musste, dass er entweder nicht in der Lage war, komplexe Sachverhalte darzustellen oder dass er Dinge vortrug, die sie als informierte Frau natürlich schon längst wusste. So war sie neben dem Mangel an attraktiven Attributen auch kein sympathischer Gesprächspartner. Zumindest war sie keine Person, die man schnell mochte. Aber sie war da, und wenn er auch nicht sonderlich verliebt in sie war, so passte sie doch auf eine bestimmte ihn ergänzende Weise zu ihm. Sie war, und das ist wahrscheinlich ihre wichtigste Eigenschaft an dieser Stelle, immer politisch korrekt. Zumindest, wenn sie nüchtern war. Ob es Bildung war oder einfache Angepasstheit, das würde vielleicht für immer ihr Geheimnis bleiben.


Beide standen nun vor dem Rathaus in dieser Kleinstadt, in das er leidenschaftlich gerne als Dienstherr in einigen Monaten einziehen wollte. Er hielt ihre Hand und sie betrachteten die weißen Säulen, die sich stolz empor reckten und einen Blick in das dahinter liegende Portal zuließen. Sie blickten auf lange Sprossenfenster, grau abgesetzt und gleichmäßig aufgereiht, die sich über die breiten Flügel des Gebäudes erstreckten, der Balkon schob sich herrschaftlich über den gepflasterten Rathausplatz, hinein in die alten Kastanien, die davor vor langer Zeit gepflanzt worden waren und deren Wurzeln allmählich die Pflastersteine anhoben. Dieser Balkon, der in jedem Frühling mit bunten Geranien an der geraden Balustrade geschmückt wurde, von dem glückliche Brautpaare zu den wartenden Familien und Freunden winken konnten, sofern sie soeben von dem diensthabenden Standesbeamten getraut worden waren, der Balkon, von dem der Oberbürgermeister jedes Jahr zu Altweiber die Kapitulation vor den weiblichen Karnevalisten verkündete, die das Rathaus laut gestürmt hatten oder dieses Vorhaben kreischend ankündigten, der Balkon, von dem er seine sogenannte Herrschaft über die Stadt verkünden wollte, die nun nur noch Hunderttausend Einwohner stark war. Die besten Zeiten hatte diese Stadt bedauerlicherweise hinter sich. Als ehemalige Industriehochburg, als Bruthöhle deutscher Ingenieure hatte es hier durchaus über die Jahrzehnte glänzende Epochen gegeben. Viele Reiche hatten hier einmal gelebt und gutes Geld in die Stadt gebracht. Eine florierende Wirtschaft hatte die Steuerkassen spülend gefüllt, es hatte eine sogenannte höhere Gesellschaft mit dem Interesse an teurer Freizeitgestaltung und Gastronomie gegeben. All diese Golfplätze, edlen Boutiquen und noblen Restaurants standen längst leer, waren entweder abgerissen worden oder hatten sogenannten Indoorspielplätzen für die Kinder der einheimischen Mittelschicht Platz gemacht. Für die Industriebauten, die am Rande der Stadt langsam verfielen, waren jetzt nicht einmal mehr die Mittel vorhanden, diese als Kulturdenkmal zu erhalten oder wenigstens den Verfall zu stoppen oder sie zumindest vor dem Schlimmsten zu bewahren. So waren die Einwohner sukzessive in die umliegenden Städte abgewandert, die einen in die nächstgrößere Stadt, die mehr Urbanität und bessere Einkommen versprach, die anderen in eine der ländlichen Gemeinden, mit entgegenkommenderen Grundstückspreisen. Zurück-geblieben ist eine wenig charmante, jedoch allen Kulturen und Glaubensgemeinschaften offene kleine Stadt mit beispielsweise der noch erhaltenen Infrastruktur in Form eines funktionierenden Straßenbahnnetzes oder Einrichtungen zur Freizeitgestaltung, wie ein geräumiges Hallenbad oder einen Zoo. Von der Frau, deren Hand er hielt, während er sich leidenschaftlich danach sehnte, in diesem Rathaus die Geschicke der Stadt zu leiten, wusste er, dass sie eine grauenvolle Ehe hinter sich gehabt hatte und dass sie lange Zeit als alleinerziehende Mutter eines Mädchens, welches ihr übrigens glich wie ein Ei dem anderen, diese Kleinstfamilie über Wasser hatte halten müssen. Nach dem Studium zunächst in prekären und schlecht bezahlten Jobs: Streetworking, Sozialarbeit, manchmal auch nur Ehrenamt. Dank der Beziehung zu diesem Mann an ihrer Seite, konnte sie sich jetzt einer gut dotierten Stabsstelle bei der Stadtverwaltung erfreuen, die sie mit angemessenem Engagement ausfüllte. Heute trug Mika wieder dieses grün gemusterte Etwas, das entfernt an ein in einen Mantel genähtes Kleid erinnerte, und sie lächelte. Dieses Lächeln, das sei an dieser Stelle schon allein deshalb eingefügte, weil es das Schönste an ihr war, war rar. Und es war wirklich schön. Die Augen verengten sich zu vergnügten Schlitzen, der Mund schwang sich breit zwischen den sich bildenden roten Apfelbäckchen, in welchen mittig kleine Grübchen platziert waren. Er fühlte sich jetzt gerade und in diesem Augenblick gut an ihrer Seite. Sie schien die gleichen Ziele zu verfolgen, sie schien die gleichen Motive zu haben, und in ihrer Akzeptanz seiner durch beinahe tägliche Politik und zermürbenden Wahlkampf häufig verursachten Abwesenheit, war sie unvergleichlich.

Er fühlte sich geradezu geborgen, sicher, wie in dem Schoß seiner Mutter und als sei er diesem gerade erst entschlüpft, so gleich wieder in warme Schenkel eingetaucht. Denn eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihr und seiner Mutter war nicht zu leugnen. Doch warum hatte er seine Mutter denn verlassen? Die, welche ihm eine Obdach, stets viele warme Mahlzeiten gegeben und auf die er sich Trost suchend hatte immer verlassen können? Man verlässt seine Mutter, um auf eigenen Füßen zu stehen, vielleicht um nach Höherem zu streben, um erwachsen sein zu dürfen. Man verlässt sie, um vieles anders machen zu können, um vieles auch besser oder der Zeit angemessener zu tun. Vieles hat er mitgenommen; die Art sich zu kleiden ist geblieben, seine Frisur zu tragen, seine Bücher hat er mitgenommen in seine eigene Wohnung.

Er kommt noch aus einer Generation, in der es Bücher zu Hause gab. Es waren hohe Regale an tapezierten Wänden, in denen die Bücher in Zweierreihen standen, aufgehobene Zeitungen mit als wichtig markierten Artikeln in den unteren Fächern. Sie haben daheim in Platten gepresste, kratzende Lieder gehört und haben lautheiser schräg zwischen gehäkelten Deckchen auf schweren Eichenmöbeln und mit Gardinen behangenen Butzenfenstern mitgesungen, während sie auf ausladenden Ledersesseln oder hochflorigen Teppichen zu den Füßen der Großeltern saßen.

Sein Obdach nun, wollte er nicht mehr teilen, mit niemandem, und schon gar nicht mit einer Frau. Kein Zimmer, in das sie schaut, den blonden Kopf und die Augen verdrehend, weil es so unaufgeräumt und ungelüftet ist. Das Essen zu teilen, fiel ihm fürderhin schwer. Sie kocht es, und während er isst, tischt sie nach, fragt, ob es denn schmecke, ob er nicht mehr wolle. Und er kann die Saucen und Kartoffeln, das Fleisch, das in Butter und Mehl aufgelöste Gemüse nicht in Ruhe essen. Ist er satt? Sein Kopf war, im Gegensatz zu seinem Zimmer, in seiner Wahrnehmung aufgeräumt und satt war er meist auch. Warum also die Fragen? Wenn die Frauen das doch lassen könnten. Und dann sind sie aber wieder da, wenn er tagelang das Haus nicht verlassen kann, kaum in der Lage, sein müdes Antlitz zu rasieren, kaum in der Lage, die dunklen Vorhänge aufzuziehen, damit die Sonnenstrahlen die aufstiebenden Staubflocken erbarmungslos gelb aufzeigen könnten. Wenn die Schriftstücke pfundschwer sich auf dem Schreibtisch stapeln, der Turm von Ungespültem sich biegt und droht, auf dem Küchentisch zu kippen, wenn die ungeöffneten Briefe den Kasten zum Bersten bringen und er nicht weiß, wo er anfangen soll, dann will er alleine sein. Und das heute noch mehr als früher. Nun scheint es ihm, wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung, eine Frau an seiner Seite, die nicht seine Mutter ist, die ihn in eben diesen Tagen der beinahe selbst verordneten Depression anruft, dann, wenn er in der Abwärtsspirale der Lähmung den Ausweg nicht suchen will, dann seinen Anrufbeantworter mit Fragen füllt, die Einlass begehrt in seine verdunkelte Schutzzone. Er will das nicht, panisch in die Ecke gedrängt, ängstlich wie das Reh vor dem Jäger, jedoch mit dem Bewusstsein eines Menschen, Schluss machen wollend mit dem Druck. Den Druck beenden, welchen die Türschelle auslöst, das Knacken der Briefkastenklappe, wenn wieder neue Mitteilungen, Rechnungen und Verbraucherinformationen seine Wohnung fluten. Und dann, wenn er wieder da ist, frisch und gebügelt sich wieder in den sozialen Raum eingliedern kann, wenn er redegewandt stundenlang frei vor den vielen geneigten Zuhörern spricht, wenn sein Geist die Anwesenden aufflammend erhellt, seine Argumente sachlich überzeugend den Raum füllen und man ihn frenetisch feiert, dann ist er wieder da. Und dann kann auch sie wieder da sein. Dann ist sie rund, seine Geschichte, dann ist es gut, dass sie, Mika, da ist und dass sie eben nicht seine Mutter ist. Mit ihr zu frühstücken, bevor er sich in seine Wohnung zum Aktenstudium zurückzieht oder einem öffentlichen Ereignis beiwohnt, um dann abends wieder zu ihr zurückzukehren, in ihren Schoß. Er drückte an diesem Tag stärker ihre Hand, um dem Bestaunen seines vielleicht zukünftigen Amtssitzes nunmehr ein Ende zu setzen.


Der Abend führte sie in ein Restaurant, in eines, in dem sie bereits des Öfteren gespeist hatten, und der freudig erregte Kellner – dies wohl, weil der den zukünftigen Oberbürgermeister allein schon aus Werbezwecken gerne bei sich hatte – geleitete sie aufgeregt schnatternd zu ihrem Stammplatz.  Mika ließ sich den Stuhl unter den Hintern schieben. Sie sah derweil aber nicht auf und sie bedankte sich auch nicht, um dann nach der Karte zu greifen und sich stillschweigend ein Gericht auszusuchen, wahrscheinlich dasselbe wie immer und sah ihn erwartungsschwanger mit großen Augen an. Er fragte sich, ob er sie jetzt und hier unterhalten solle, ob von ihm lustige Anekdoten erwartet wurden oder eine Fortsetzung irgendeiner Rede, gespickt mit persönlichen, vielleicht gar politisch unkorrekten Anmerkungen, über die sie dann beide lachen konnten. Länger als üblich blickte er an der in Leder eingefassten schweren Karte hoch und runter, bis er diese langsam auf dem karierten Tischtuch ablegte. Aber es ging heute um etwas anderes denn um kurzweilige Unterhaltung oder einen vergnügten Abend. Vielmehr ging es, und das nun schon des Öfteren, um den grundsätzlichen Status ihrer Beziehung, quasi um die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, in eine neue Phase einzumünden, oder vielmehr den nächsten Schritt zu gehen, gemeinsam wohlgemerkt. Anlass für den erneut aufsteigenden Unmut seiner, ihm nun direkt gegenübersitzenden Lebensgefährtin, die ihn nunmehr mit eingefrorener Miene ansah, war die Frage, die ein Moderator anlässlich eines kürzlich, um genau zu sein, am Vortag stattgefundenen Interviews gestellt hatte, oder vielmehr seine Antwort auf ebendiese Frage, nämlich der nach eines Hochzeitsdatums. Im Wortlaut hatte das bebrillte höchstens fünfundzwanzigjährige aufstrebende Möchtegern-Günther-Jauch-Plagiat gefragt: „Wann werden Sie Ihre Mika denn endlich heiraten?“ Die Stille, welche das alte, inzwischen zu einer Brauerei mit Gastronomiebereich umgebaute Stellwerk der Deutschen Bahn erfüllte, schien allen anwesenden Gästen unangenehm gewesen zu sein. Sogar das Absetzen eines Gastes seines Bierhumpens hatte man hören können. Dieser hatte sich sodann auch noch fast, um diese peinliche Situation noch zu steigern, zu einem Räuspern genötigt gesehen, vielleicht um das Geräusch, welches das Glas auf dem blank polierten Holztisch verursacht hatte, noch zu bereinigen. Vielleicht aber auch nicht. Es hatte sich für Mika wie ein Ausrufezeichen angehört, und erst als der Kellner an der Theke den Zapfhahn zur Vervollständigung des soeben begonnenen und noch nicht mit einer Schaumkrone vollendeten Pilses aufdrehte und der befragte Kandidat, ihr Lebensgefährte grinste, entspannte sich die Situation. Alles habe seine Zeit, hatte er geantwortet. Es gäbe die Zeit des Wahlkampfes, mit all den Terminen, den Vorbereitungen, den Gesprächen und nicht zuletzt mit den Kontakten zum Wähler. Und daran würde dann sicher auch wieder eine Zeit des Privatseins anschließen, mit all den Annehmlichkeiten, die dies mit sich bringen würde. Eleganter Versuch. Der Moderator mit seinem wachen Verstand hatte aber nachgehakt: „Sie denken also, als neuer Oberbürgermeister hätten Sie Zeit für ein Privatsein? Wenn Sie es denn werden.“ „Nun, wir werden sehen!“ schloss er charmant lächelnd diese intime Abteilung, und der Schlagzeuger der Band stimmte mit seinen Taktstöcken einen Pausensong an, in den die Gitarre spontan mitwirkte. Mika hätte die Sängerin in der roten Abendrobe auf der Stelle brutal töten können, und das nur deshalb, um den Stress, dem sie sich plötzlich ausgesetzt sah, abzubauen. Wenngleich niemand wirklich nach ihr geschaut hatte, so brannte ihr doch der Nacken und der Schweiß rann ihr aus allen Poren, um dann in Bächen unter ihrer klebrigen weißen Bluse in sämtliche Körperfurchen zu rinnen. Hier und heute, in diesem kleinen, landestypisch eingerichteten Restaurant mit der subtilen Romantik eines italienischen Liedermachers und den wunderbaren Gerüchen von selbst gemachter Pasta und den frischen Kräutern der hausgemachten Sauce Napoli, war die Situation eine völlig andere. Bis auf ein Mutter-TochterGespann am Fenster und einem weiteren Pärchen mittleren Alters, die etwas näher am Kaminsims saßen, waren sie allein. Und es handelte sich hier um kein Interview, in dem er weltmännisch und gelassen rüberkommen musste, keinem potenziellen Wähler musste bewiesen werden, wie er mit jeder noch so verfahrenen Situation klar kam. Er konnte ganz er selbst sein, und nach vier Jahren des gemeinsamen Lebens, hatte sie, in ihrem Verständnis, so langsam ein Recht auf eine Äußerung seinerseits hinsichtlich einer gemeinsamen Zukunft und wie er sich vorstellte, diese zu gestalten. Jedenfalls in privater Hinsicht. Doch, als wenn er nicht in der Lage gewesen wäre, den Politiker abzulegen, diese Rolle, in die er inzwischen hineingewachsen war, die er angezogen hatte wie einen seiner Anzüge, blieb er cool. Kein Anflug von Verlegenheit, von schlechtem Gewissen oder gar einer aufkeimenden Erklärungsnot. Nichts dergleichen auf ihre etwas ironisch formulierte Anregung, während der Kellner, der sich ihnen inzwischen hinsichtlich seiner Lautstärke angepasst hatte und nun nichts mehr von sich gab, die Karaffe mit dem Wein zwischen sie stellte und erst ihr und dann ihm jeweils einen Schluck des lieblichen roten Weines schweigend eingoss. Man könne gegebenenfalls, natürlich auch nur wenn es ihm jetzt recht sei, über die Nummer mit dem Heiraten sprechen. „Alles hat seine Zeit, mein Liebes“, war erneut seine kurze Antwort, als habe er diese auswendig gelernt, wobei er sie gerade und ruhig ansah. Kurz flackerte die leidenschaftlich vorahnende Hoffnung in ihr auf, er könnte ihr vielleicht nach gewonnener Wahl noch am selben Abend bei der eigens zu diesem Anlass ausgerichteten Feier, einen Heiratsantrag machen. Dieses Gefühl verebbte aber wieder. Es hatte inzwischen bereits genug feierliche Gelegenheiten für eine solche Ansprache an sie gegeben, und sie vermutete inzwischen, dass dieses Ziel, welches er jetzt so vehement anstrebte, ihm derweil nicht auch nur den geringsten Raum für andere Dinge ließe."


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